Betrübliche Betrachtung
Ein lustiges Gedicht - auch wenn etwas länger.
Im Stil von Wilhelm Busch - obwohl er es wohl nicht geschrieben hat.
Autor: Unbekannt
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Betrübliche Betrachtung
Wenn der Mensch als kleines Kindel
wohlverwahrt in weicher Windel
dösend in der Wiege liegt
ja – da ist er noch vergnügt.
Denn es hat ja dieser kleene
Mensch zu Zeit keine Zähne.
Ach, uns Menschen ist hienieden
lange Freude nicht beschieden.
Seht, der mütterliche Busen
wird versteckt in steifen Blusen
und die Brust – die uns genährt
bleibt uns späterhin verwehrt.
Man erzieht uns dann zum Beißen
reicht uns dem gemäße Speisen
und man sagt – willst du verdaun
bitte schön, dann mußt du kaun.
Dann beginnt es! Unter Tränen
kommen wir zu unsern Zähnen.
Ob wir schreien oder toben
vorne, hinten, unten, oben
kommen aus den Kieferknochen
unsre Zähne rausgekrochen.
Geht auch durch den Schmerz im Munde
unser Frohsinn vor die Hunde
da ist keiner der uns fragt
ob die Sache uns behagt.
Vati, Mutti und Geschwister
grüßen jeden Zahn – da ist er!
Winden wir uns auch in Krämpfen
nichts kann ihr Freude dämpfen.
Sind als dann – in langen Wochen
alle Zähne durchgebrochen
und wir denken nun einstweilen
für die Suppe und das Breichen
wird das Milchgebiß schon reichen!
Dann beginnt erneut die Qual
lerne um, heißt´s wieder mal
und die Mutti voller Tücke
reicht uns jetzt schon härt´re Stücke.
Alte Semmeln, Möhren, Schoten
und die Rinde von den Broten.
Solches Futter wird uns jetzt
regelmäßig vorgesetzt.
Damit beißen wir - oh Graus
uns die Zähne wieder aus.
Und nun wird es immer ärger,
neue Zähne – aber stärker
wachsen uns in uns´ren Kiefer
machen sich wie Ungeziefer
rings in unsrem Munde breit
schließlich ist es dann soweit
32 blanke Zähne
sind in unsrem Mund zu sehen.
Doch das ist kein Grund zum Jubel
es beginnt ein neuer Trubel
und wir schleichen mit Gewimmer
in das Zahnarzt-Wartezimmer.
Weil der Mensch im innern Bös´
leidet er an Cariös
und der Zahnarzt – Eis im Herzen
der belächelt uns´re Schmerzen
greift mit schadenfroher Miene
rücksichtslos zur Bohrmaschine.
Und derweil wir transpirieren
fängt er an zu operieren.
Ungeachtet unsrer Tränen
bis infolge all der Qualen
wir in tiefe Ohnmacht fallen.
Weiter geht’s – die Jahre fliehen
schließlich hilft dann nur noch ziehn
denn an unsern faulen Stummeln
lohnt es nicht – herum zu fummeln.
Mögen wir uns noch so zieren
der Dentist muß extrahieren.
Das ist nun für Stiernaturen
eine von den schönsten Kuren.
Während wir im Stuhle sitzen
bekommen wir ein Dutzend Spritzen
in das Zahnfleisch injiziert
bis das Maul uns eingefriert.
Und mit zitterndem Gesicht
hör´n wir – wie der Zahnarzt spricht:
"Keine Angst – es tut nicht weh!"
und dann geh´n wir in die Höh´
und das dieses schmerzlos ist
gilt ja nur für den Dentist.
Schaurig in der Mundeshöhle
knirscht die Zange – in die Kehle
fällt dann und wann ein Brocken
doch wir müssen stille hocken.
Denn der Arzt hat – raffiniert
unsern Schädel arretiert
und robuste Assistenten
halten uns mit beiden Händen.
Schließlich aber ist´s passiert
und der Zahn ist extrahiert.
Dann, beim Schein der Blaulicht-Lampe
merkt der Arzt das er sich täuschte
daß den falschen er erwischt
ändern kann er´s aber nicht.
Nein, er geht mit Unbehagen
uns noch einmal an den Kragen
kriegt den richt´gen jetzt zu fassen
„Gott sei Dank“ - wir sind entlassen.
Wenn wir 32-mal
überstanden diese Qual
kann uns zwar nichts mehr passieren
aber – soll´n wir jubilieren?
Nein, die Schönheit ist dahin
es verkürzt sich unser Kinn
durch die Lücken in dem Kiefer
liegen uns´re Lippen tiefer
und die Wangen kriegen Falten
kurz – wir sind nicht mehr die Alten.
Und dann kann man nur noch weichen
Kuchen essen oder Breichen
sprechen oder gar noch Singen
will uns gar nicht mehr gelingen
denn man braucht der Zähne Kanten
bei den meisten Konsonanten.
Kurz – wir sind in diesen Zeiten
ganz und gar nicht zu beneiden.
Uns erfaßt ein heißen Sehnen
nach den 32 Zähnen.
Ach, ach trotz uns´rem Bitten
wachsen sie nicht mehr die Dritten.
Schön, man muß zum Zahnarzt laufen
muß für´s Geld sich welche kaufen
doch es bleibt ein Surrogat
was man jetzt im Munde hat.
Ziert es auch das Angesicht
für den Ernstfall taugt es nicht.
Will beim Fußball man mal schrein
fällt´s Gebiss ins Spielfeld rein.
Oder man ruft kräftig: „Prost“
geht die Gaumenplatte los.
Und das Gebiss kippt vorne über
und die Leute feixen drüber.
Ach-ach, das Geld ist rausgeschmissen
und wir fühlen uns be...
An dem Ende unsrer Tage
wissen wir – es war nur Plage.
Was die Zähne uns gebracht
nicht als Ärger – Gute Nacht.
Klappt man uns den Kiefer zu
dann erst endlich hab´m wir Ruh´!